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ULTRA RUNNING | 24.04.2019 | Klaus Gösweiner (Dynafit Athlete)

Crossing Austria: Ultra Running durch Österreich

Zwei Verrückte, zwei Ausnahmeathleten, zwei Ultraläufer - Klaus Gösweiner und Markus Amon haben sich mit ihrem Projekt Crossing Austria viel vorgenommen: 500 Kilometer und 20.000 Höhenmeter vom tiefsten bis zum höchsten Punk Österreichs. Um es vorwegzunehmen, sie haben es geschafft…doch sie haben gelitten und viel Erlebt in diesen sieben Tagen. Klaus Gösweiner hat mit etwas Abstand seine Gedanken aufgeschrieben:

Der größte Sieg einer einzigartigen Freundschaft

Ich stehe gemeinsam mit Markus Amon am Gipfel des Großglockners, dem mit 3.798 Meter höchsten Punkt Österreichs. Der Pulsschlag pulsiert in meinen Ohren, die geschundenen Beine schmerzen – und dennoch: Ich verspüre reines Glück! Hinter uns liegen 750.000 Schritte, die wir in sieben Tagen auf 500 Kilometern mit 20.000 Höhenmetern vom tiefsten Punkt Österreichs (Apetlon, 114 m) aus in unsere Traillaufschuhe gestampft haben. Unterstützt von einem 13-köpfigen Team, liefen wir vom Burgenland bis aufs Dach der Alpenrepublik. Hier ist unsere Story.

Tag 1: Flach ist langweilig, aber notwendig

 

Apetlon (Burgenland) bis Puchberg am Schneeberg (Niederösterreich) – 85km, 1.100Hm, 9h30min:

Es ist Samstag, der 29. September 2018. Die Dunkelheit ist unser erster Begleiter, als wir um 5:45 Uhr vom tiefsten Punkt Österreichs zu „Crossing Austria“ starten. Der starke Wind erschwert die ersten zwölf Kilometer bis Illmitz, doch auf der Fähre über den Neusiedlersee bleibt genug Zeit um aufzulockern und den Sonnenaufgang zu genießen.
Weiter geht’s von Mörbisch auf die nächsten 73 Kilometer samt 1.000 Höhenmeter. Unter dem Motto „Flach ist langweilig, aber notwendig, um die Berge zu erreichen“ erreichen wir nach 9,5 Stunden um 15.15 Uhr Puchberg am Schneeberg, wo am Vormittag der Schneeberglauf stattgefunden hat. Ein kurzes Interview bei der Siegerehrung und ab geht’s zur Regeneration in den Schneeberghof.

Tag 2: Endlich Berge

 

Puchberg (Niederösterreich) bis Seewiesen (Steiermark) – 78km, 5.100Hm, 14h20min

Bereits der zweite Tag von Crossing Austria hat es in sich. Über Schneeberg, Rax und Hohe Veitsch führt uns unsere Route nach Seewiesen. Dankbar für das wunderbare Wetter, starten wir um 6.00 Uhr in Puchberg und erreichen nach gut zwei Stunden Aufstieg den Gipfel des Schneebergs, ein technisch anspruchsvoller Trail führt uns wieder ins Tal bis zum Weichtalhaus.

 

Kurze Verpflegung und weiter über das Höllental, den leicht vereisten Gaislochsteig (kurzer Klettersteig), über die Rax, wo an ein Laufen wegen des massiven Latschenbewuchses oft nicht zu denken ist, hinunter ins Tal nach Altenberg an der Rax, wo uns unser Team nach mittlerweile 6,5 Stunden Laufzeit schon wieder erwartet.

Weiter geht’s über den Knappensteig mit wenigen Höhenmetern in gut einer Stunde nach Neuberg an der Mürz, gefolgt von dem finalen und sehr langen Anstieg auf die Hohe Veitsch, den wir bei bestem Wetter meistern. Auf den nun noch bis Seewiesen gut 20 verbleibenden Kilometern erfolgt der Abstieg über den sehr steilen Teufelssteig. Die letzten 10 Kilometer legen wir wieder mit unseren Stirnlampen zurück und erreichen doch einigermaßen gezeichnet nach gut 14 Stunden um 20:15 Uhr Seewiesen.

Tag 3: Zwei Bergmarathons hintereinander

 

Seewiesen (Stmk.) bis Kaiserau (Stmk.) – 88km, 4.700 Hm, 16h00min

Auch Tag drei sollte uns wieder ordentlich fordern. Punkt 6:00 Uhr laufen wir im Schein unserer Stirnlampen dem Gipfel des Hochschwabs entgegen. Der Sonnenaufgang auf halbem Weg zum Gipfel ist einzigartig und motiviert für den verbleibenden langen Tag. Den Gipfel des Hochschwabs erreichen wir nach gut zwei Stunden und der Abstieg führt uns zur Häuslalm, weiter zur Sonnschienalm und am Fuße der Frauenmauer zwischen Polster und Präbichl in die Bergbaustadt Eisenerz, wo noch immer 48 Kilometer und 2.000 Höhenmeter vor uns liegen.

Aufgrund des schlechter werdenden Wetters wird das eigentlich einfache Terrain zur Herausforderung. Wir durchlaufen Radmer bereits bei Nieselregen, bei der darüber liegenden Neuburgalm und im Bergsteigerdorf Johnsbach hat uns das Gewitter längst eingeholt. Beim Aufstieg zur Mödlingerhütte lässt der Regen nach und im Schein unserer Lampen spüren wir, dass die Temperatur zusehends absinkt. Im Flitzengraben setzt der Niederschlag wieder ein, die Oberst Klinkehütte erreichen wir im dichten Schneetreiben. Den letzten Downhill des Tages erledigen wir gezeichnet aber doch flott und erreichen so nach knapp 16 Stunden Laufzeit das Tagesziel auf der Kaiserau.

Tag 4: Leidensweg für Markus

 

Kaiserau (Steiermark) bis Ramsau am Dachstein/Türlwandhütte (Steiermark) – 88km, 1.500Hm, 13h30min

Nach nur gut vier Stunden Schlaf starten wir Etappe vier, mein Heimspiel: Von der Kaiserau zuerst hinunter ins Paltental nach Rottenmann, südlich der Burg Strechau auf das Lassinger Hochplateau. In Lassing haben wir schon einen Halbmarathon in den Beinen und legen eine kurze Rast ein. Danach auf schnellstem Weg zu den Uferwegen der Enns, wobei sich zu diesem Zeitpunkt bei Markus die Strapazen der Vortage so richtig bemerkbar machen und wir das Tempo deutlich drosseln müssen. Es folgen 55 flache Kilometer bis nach Haus/Ennstal. Doch diese sollten für Markus die härtesten von Crossing Austria werden. Ich bin dabei vor allem mental gefordert. Doch das langsame Laufen bereitet auch mir Probleme, da ich das nicht gewohnt bin. Irgendwie schaffen wir es dann doch gemeinsam bis in meine Heimatgemeinde Hauser. Wir werden herzlich empfangen und auch unsere Stimmung wird dadurch wieder heller. Nach kurzem Aufenthalt nehmen wir die letzten 13 Kilometer und 1.000 Höhenmeter zur Türlwandhütte am Fuße der Dachstein Südwand in Angriff. Nach vorheriger Absprache trennen wir uns erstmals in der Ramsau und ich erreiche die Türlwandhütte nach 13,5 Stunden Laufzeit, Markus rund 45min danach.

Tag 5: Ein halber Meter Neuschnee am Dachstein

 

Ramsau (Steiermark) bis Wagrain (Salzburg) – 41km, 700Hm, 6h45min

Der Schneefall vom Montag lässt die geplante Überschreitung des Hohen Dachsteins (2.995 m) leider nicht zu. Ein halber Meter Schnee und Windböen von 80 km/h wären einfach ein zu großes Risiko gewesen. Für mich eine große Enttäuschung, hat doch der Dachstein seit Crossing Styria für mich eine große Bedeutung. Wir versuchen der Realität Positives abzugewinnen - die Alternativroute über die Südwandhütte und die Bachlalm ist relativ einfach, statt 50 Kilometer mit 1.500 Höhenmeter stehen „nur“ rund 40 Kilometer mit 700 Höhenmetern am Programm. In Filzmoos entscheiden wir, dass wieder jeder sein Tempo laufen sollte und so erreiche ich nach gut 6,5 Stunden Wagrain. Markus will diesen Tag nutzen, um wieder etwas lockerere Beine zu bekommen und beendet die Etappe im Gehen.

Tag 6: Eine harte Entscheidung mit Folgen

 

Wagrain (Salzburg) bis Fusch an der Glocknerstraße (Salzburg) – 67km, 1.600Hm, 8h30min

„Es tut mir leid, es geht nicht mehr!“ verkündet Markus unter Tränen vor versammeltem Team im Frühstücksraum unseres Quartiers in Radstadt. Die „Gehetappe“ des Vortages brachte für Markus leider nicht den erwünschten Erfolg, beide Schienbeine und Füße sind stark geschwollen, er kann sich kaum bewegen. Die Entscheidung von Markus ist unausweichlich und richtig. „Klaus wird das Ding für uns zu Ende bringen!“ ist Markus’ nächster Satz, was auch mich zu Tränen rührt.

Ich versuche mich am Weg nach St. Johann im Pongau emotional mit der neuen Situation zu arrangieren und lasse meinem Körpergefühl freien Lauf. Trotz einiger Blasen laufe ich teilweise eine Pace von unter fünf min/km – ich will einfach nur nach Kaprun! Nach einem kurzen Zwischenstopp in Markus’ Heimatgemeinde Bruck an der Glocknerstraße fliege ich sprichwörtlich bis ins zuerst geplante Etappenziel nach Kaprun. Aufgrund meiner guten Verfassung entscheide ich mich von nun an auf der Strecke des Großglockner Ultratrails zu bleiben und zusätzlich noch 15 Kilometer und 1.000 Höhenmeter bis nach Fusch an der Glocknerstraße abzuarbeiten. So war für den finalen nächsten Tag auf den Großglockner alles angerichtet – nur war ich ohne Markus unterwegs.

Tag 7: Unerwartete Wendung - ein Traum geht in Erfüllung!

 

Fusch (Salzburg) bis Großglockner (Osttirol) – 35km, 3.900Hm, 9h30min

4.00 Uhr morgens, rein in die Laufausrüstung, kurzes Frühstück, 5.00 Uhr Abfahrt vom Kaprunerhof nach Fusch, 5.30 Uhr Start in Fusch. Ich bin absolut fokussiert, die ersten Kilometer schmerzen, trotzdem gehen sie schnell vorüber und ab Kilometer vier läuft meine Maschine wie am Schnürchen. Ferleiten erreiche ich noch bei Dunkelheit, kurze Verpflegung und weiter Richtung Pfandlscharte. Auf halbem Anstieg zur Pfandlscharte informiert mich mein Begleiter Toni, dass es keine Fotos und Videos geben wird, wenn ich dieses Tempo beibehalte...die Fotografen kommen nicht hinterher. Kurz darauf stiefeln wir durch einen halben Meter Neuschnee, die Spurarbeit übernimmt Toni. Erschöpft aber zuversichtlich erreiche ich die Pfandlscharte und stehe das erste Mal seit dem Start im Angesicht unseres großen Ziels, dem Großglockner!

Beim Glocknerhaus erwartet mich das Team, inklusive Markus! Es zerreißt mich fast vor Freunde Markus zu sehen. Tränen fließen und Markus steigt beim Stausee unterm Glocknerhaus wieder ein! Hinauf zur Stockerscharte überlasse ich ihm die Führung und damit Tempokontrolle. Es geht zügig voran und an der Salmhütte treffen wir auf die Bergführer Werner und Gottfried, die für unsere Sicherung zuständig sind. Danach fühlen wir uns frei, erreichen die Adlersruhe. Wir steigern das Tempo, legen beim Bahnhof die Steigeisen an. Markus geht voraus mit dem 7 Meter-Seil, dann ich. Auf dem eisfreien Fels entledigen wir uns der Steigeisen und fliegen förmlich in Richtung Gipfel. Nach 40 Minuten von der Adlersruhe erreichen wir GEMEINSAM den Gipfel. Die Emotionen sind überwältigend. Der gemeinsame Gipfelsieg am Großglockner ist für mich der größte Sieg einer einzigartigen Freundschaft!

1 Apetlon - Puchberg

85km

1.100Hm

9h30min

2 Puchberg - Seewiesen

78km

5.100Hm

14h20min

3 Seewiesen - Kaiserau

88km

4.700Hm

16h00min

4 Kaiserau - Türlwandhütte

88km

1.500Hm

13h30min

5 Türlwandhütte - Wagrain

41km

700Hm

6h45min

6 Wagrain - Fusch

67km

1.600Hm

8h30min

7 Fusch - Großglockner

35km

3.900Hm

9h30min