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ALPINE RUNNING I 16.11.2018 I Stefanie Traurig

Traum und Albtraum in den höchsten Bergen der Welt

Jeder Bergsportler hat einen Traum, sein ganz persönliches Ziel, das man unbedingt einmal erreichen will. Sein eigenes MOUNTOPIA. Und so war es auch bei mir – das Mount Everest Basecamp und noch höher sollte es sein. Doch ins Himalaya Gebirge zu reisen ist wie einen Ultramarathon zu laufen. Es gibt schwierige Anstiege und Augenblicke, in denen ein einziger Schritt einem wie eine Aufgabe erscheint, die sich kaum bewältigen lässt. Dann wieder kommt man fast mühelos voran und diese Leichtigkeit wirkt, als müsste sie bis in alle Ewigkeit andauern. Genau diese Phasen durchlebte ich bei meinem Vorhaben und so war mein langersehntes Mountopia doch irgendwie Traum und Albtraum zugleich.

Vom gefährlichsten Flughafen der Welt Richtung Eisriesen

Früh morgens um 06:15 Uhr startete unsere Reise mit einem kleinen Propellerflugzeug von Kathmandu nach Lukla, dem gefährlichsten Flughafen der Welt. Glücklicherweise war der Flug besser als erwartet. Dort angekommen stiegen wir am ersten Tag zügig rund 30 km und 2000 Höhenmeter auf und konnten uns ab Namche Bazar (kleines Bergdorf auf 3400 m) relativ schnell akklimatisieren. Die Landschaft war wunderschön und im Hintergrund die großen „Eisriesen“ zu sehen war ein überwältigendes Gefühl. Schneebedeckt und respekteinflösend ragen sie hinauf, über 8000 m. Bis zu diesem Zeitpunkt war die Stimmung sehr gut.

 

Angekommen in Lobuche, rund 5000 Meter über dem Meeresspiegel, mitten im Himalaya, der Himmel ist blau und die Luft ist kühl oder besser gesagt eisig kalt. Endlich haben wir unser Quartier für die Nacht erreicht. Wir stehen in einem langen Gang, von dem kleine Schlafzimmer abzweigen, die Wände kaum dicker als Spanplatten, was man vor allem nachts merkt. Auch heiße Duschen sind hier oben Luxus, selten kann man sich in den „Gaststuben“ aufwärmen und bei Minusgraden im Zimmer würde man ohnehin lieber im Schlafsack verpackt mit Daunenjacke und Decke darüber liegen bleiben.

Mittlerweile schneite es draußen, das Wasser in den Regentonnen um die Plumpsklos war gefroren, ebenso das Wasser am Boden. Morgens ein kurzer Sprint zum Zähneputzen und wieder rein in die Klamotten zum Bergsteigen, so lief das jeden Morgen ab.

Warum tun wir uns das an?!

Aber hey, das ist ein Traum und das Beste kommt bekanntlich zum Schluss. Dass es sich aber noch zum Albtraum entwickelte wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Nepal im Oktober, das bedeutet nicht nur klirrende Kälte bei Nacht, sondern auch klare Sicht auf die Gebirgskette. Es war keine Wolke am Himmel, nur Hubschrauber, die sich wie Libellen zwischen den Bergen bewegen und höhenkranke Menschen ins Tal fliegen. Der Anblick der Berge war atemberaubend. Allerdings hatte mich eine ziemliche Erkältung erwischt, was das Ganze nicht gerade leichter machte.

Stimmungslage auf dem Tiefpunkt, Erschöpfungslevel auf Anschlag

Die Route führte ziemlich lange durch die nepalesische Region Khumbu bis nach Gorak Shep, dem Ort, an dem die meisten Touristen nicht länger als eine Nacht aushalten. Es liegt auf 5207 m. Von dort aus brachen wir auf, ein paar Stunden bis zum Basislager des Mount Everest. Bereits ziemlich angeschlagen und erschöpft machten wir uns auf den Weg. Gras wächst hier oben keins mehr und mit steigender Höhe sinkt der verbleibende Sauerstoffgehalt. Endlich geschafft - angekommen am Basislager befanden wir uns auf 5350 m. Doch in Ruhe genießen konnte ich das Ganze nicht. Laute Musik dröhnte aus Ghettoblastern, hunderte Menschen, eine Hochzeit, Massentourismus - ich wollte nur noch hier weg, was ein Albtraum. Setzte mich aber erstmal und musste auch zunehmend mit dem Sauerstoffmangel kämpfen, da meine Erkältung immer schlimmer wurde. Die Stimmung von uns alles war auf dem Tiefpunkt. War das mein Traum?  Sollte sowas auf der „to-do-Liste“ stehen?  NEIN, ganz bestimmt nicht.

 

Der Rückweg nach Gorak Shep war ein Albtraum, kaum noch Kraft, krank, richtig krank. Die Luft eisig, windig und ich merkte, dass ich vor mich hin torkelte, hustete wie verrückt, der Kopf dröhnte und mir war richtig übel. Bergab musste ich Pause machen. Durch die starke Grippe hatte ich alle Anzeichen der Höhenkrankheit. Mit letzter Kraft schleppte ich mich zurück in die Lodge, alles irgendwie so unreal, wie in einem Traum. Hunger hatte ich keinen, fühlte mich todkrank und mir wurde klar, ich muss nach unten. Der Kala Patthar mit seiner Höhe von 5675 m für den nächsten Tag war also gestrichen. Auch ein Freund von mir war höhenkrank und so stiegen wir zügig ab.

Es ging nicht um Komfort, es war eine dieser Reisen, die eine Herausforderung sein soll. Je ungewöhnlicher und extremer, umso besser vergisst man den Alltag. Doch diese Herausforderung hat mich an meine absolute körperliche und mentale Grenze gebracht. Ich habe gelernt, die kleinen Dinge des Lebens mehr zu schätzen und mein Blick ist nicht mehr nur stur zum nächsten Gipfel gerichtet.