Mit Tourenski durch die unberührte Wildnis Kirgistans

Im vergangenen Winter waren Leni, Mona, Tobi und Moritz mit unserer neuen Radical Skitourenlinie in Zentralasien unterwegs. In ihrem persönlichen Gastbeitrag nehmen sie uns mit auf eine Reise voller Kontraste: Zwischen geopolitischen Spannungen vor dem Abflug, liegengebliebenen Skidoos, überwältigender Gastfreundschaft und der Suche nach den perfekten Turns im Tian-Shan-Gebirge.

Kirgistan: Unendliche Weiten, Nomaden und unberührte Viertausender

Auf 4.100 Metern fielen wir uns in die Arme. Es war dieser eine Moment, in dem die Anspannung von zwei Wochen schlagartig von uns abfiel. Hinter uns lagen stundenlange Aufstiege, stornierte Flüge, eine ausgelöste Lawine, eine abgestürzte Drohne und die ständige Sorge, ob diese Reise überhaupt eine gute Idee war. Doch jetzt standen wir hier oben, mitten im Tian-Shan-Gebirge, dem „Himmelgebirge“, und blickten auf ein Land, das wir vor wenigen Wochen nicht einmal auf der Weltkarte hätten orten können.

Wir, das sind Leni, Mona, Tobi und Moritz. Vier Freerider und Skitourengeher auf der Suche nach einem Abenteuer in seiner pursten Form: Unberührte Hänge, fremde Kulturen und Skitourengehen im wilden Herzen Asiens. Was wir in Kirgistan fanden, war kein durchgestylter Skiurlaub, sondern ein Trip voller Gegensätze, Gefahren und unvergesslicher Momente.

Das Ungewisse: Wenn Geopolitik die Pläne durchkreuzt

Unsere Duffelbags waren schon vollgestopft mit Daunenjacken, Schlafsäcken und Skischuhen, als der Nahe Osten wieder einmal brannte. Die Nachrichten überschlugen sich: USA-Angriffe auf den Iran, geschlossene Lufträume, stornierte Flüge. Anstatt Müsliriegel zu kaufen, riefen wir am Abend vor der Abreise eine Notfall-Sitzung ein: Fliegen oder nicht fliegen?

Nach intensiver Recherche entschieden wir uns für den Aufbruch. Das Ergebnis unseres Krisentelefonats: In den abgelegen Bergen Kirgistans waren wir wohl mindestens so sicher wie daheim in unseren Wohnorten Kiefersfelden, Kitzbühel oder München.

Als wir schließlich im Flugzeug nach Bischkek, der Hauptstadt Kirgistans, saßen, wurde uns schnell klar, wie weit wir uns aus unserer Komfortzone bewegten: Zwischen Männern mit traditionellen Filzhüten (Kalpaks) und Frauen mit Kopftüchern waren wir in unseren bunten Mützen die einzigen Touristen an Bord. Nach der Landung über kargem Flachland reichte dem Zollbeamten beim Blick auf unsere riesigen Skibags ein kurzes „Ski?“ und schon wurden wir durch die Sperre gewunken.

Ankunft in einer anderen Welt: Ramadan, Kumys und die ersten Spuren im Schnee

Kirgistan empfängt einen nicht mit poliertem Tourismus, sondern mit ehrlicher, ursprünglicher Herzlichkeit. Unser Guide Dos begrüßt uns im Minivan mit kirgisischem Pop aus dem iPad. Er sprach kaum Englisch, aber seine erste Frage war universell verständlich: „Hungry?“

Da Ramadan war, blieben die Einheimischen tagsüber den Restaurants fern. Wir bekamen am Stadtrand die volle Bandbreite der kirgisischen Küche serviert. Von gewöhnungsbedürftigem, sauer-salzigem Kumys (fermentierter Stutenmilch) über mit Fleisch gefüllte Manti-Teigtaschen bis hin zu frittierten Teigbällchen (Awamat), die wir mit unablässig nachgeschenktem Sanddorn-Tee aus dem Samowar hinunterspülten.

Über holprige Schotterpisten ratterten wir vorbei am Yssy-Köl-See, dem zweitgrößten Bergsee der Welt, hinein nach Jyrgalan. Dort bezogen wir ein Zimmer bei einer lokalen Familie und starteten direkt von der Haustür in unsere erste Skitour auf kirgisischem Boden. Dos gab stoisch das Tempo vor, obwohl er wegen des Ramadan-Fastens den ganzen Tag auf dem Berg keinen Tropfen Wasser trank. Die ersten 600 Höhenmeter belohnten uns mit unverspurtem Pulverschnee und schallenden Juchzern durch das ruhige Tal.

Am Abend führte uns Dos in den „Buchenwagen“, einen bunten Container mitten im Ort. Während auf dem Berg Stille herrschte, saß drinnen eine niederbayerische Reisegruppe, die bei lokalem Apa-Bier und Schnaps „Treue Bergvagabunden“ anstimmte. So geht Après-Ski auf Kirgisisch…

Auf den Spuren der Nomaden: Das Jurtencamp zwischen Freiheit und Isolation

Ein Sprichwort sagt: „Die Flügel des Kirgisen sind sein Pferd.“ Für uns ging es jedoch erst einmal per Skidoo tiefer hinein ins Terim-Tor-Tal auf 2.900 Meter. Zwei Fahrer mit ledriger Haut und brennender Zigarette im Mundwinkel sollten uns am Seil hinterherziehen.

Schon nach fünf Kilometern war Schluss: Ein Motor überhitzt, der andere Skidoo ohne Sprit. Nach 45 Minuten Basteln in der prallen Sonne ging es schließlich zu sechst an einem einzigen Fahrzeug weiter. Doch beim Anblick des Camps war alles vergessen: Drei weiße Filzzelte in einer verschneiten Talsenke, umgeben von schneebedeckten Riesen. Kein Handyempfang, keine Zivilisation.

Die Gastfreundschaft im Camp war herzlich, aber der Berg forderte uns sofort heraus. Schon beim Aufstieg sackte die Schneedecke mit einem bedrohlichen Wummen spürbar ab – ein Gefühl wie das Absacken im Looping einer Achterbahn. Oben angekommen folgte der nächste Rückschlag: Lenis Drohne verlor im Nebel das Signal und stürzte ab. Eine stundenlange Suche im dichtesten Whiteout blieb erfolglos.

Da es in Kirgistan weder Lawinenwarndienste noch Lageberichte gibt, grub Moritz schließlich ein Schneeprofil. Beim Test (ECT) reichten drei leichte Tipper auf die Schaufel, und der Neuschnee brach auf einer Schicht aus Graupel komplett ab. Moritz’ trockenes Fazit: „Goa nit so chillig.“ Vor lauter Aufregung bemerkten wir erst auf den zweiten Blick, was Moritz beim Graben freigelegt hatte: Zwei mitten im Schnee eingefrorene Edelweißblumen. Eine berührende Metapher für die ständige Parallelität von Schönheit und Gefahr in diesen Bergen.

Der Abend im Küchenzelt wurde zum Tiefpunkt. Der Verlust der Drohne, das Schneeprofil und die Isolation ohne Netz drückten auf die Stimmung. Was romantisch geplant war, fühlte sich plötzlich nach Beklemmung an.

Die Realität am Berg: Wenn aus Träumen Lawinen werden

Am nächsten Morgen weckte uns Dos kurz und knapp: „Complete Whiteout!“ Wir klatschten uns Schnee ins Gesicht, putzten uns an der frischen Luft die Zähne und hielten uns beim Aufstieg strikt an das flache Gelände.

Nachmittags riss die Nebeldecke auf und vor uns erstreckte sich das glitzernde Tal. Doch die Versöhnung mit der Landschaft währte nur kurz. Wir beobachteten eine italienische Gruppe im Steilhang gegenüber: Der erste zog weite Schwünge, der zweite schrie vor Glück. Erst der Dritte riss uns zurück in die Realität: Er stürzte und löste ein massives Schneebrett aus. Träge und lautlos schob sich die Lawine den Hang hinab auf die unten Stehenden zu. Wie durch ein Wunder wurde niemand verletzt. Doch das Bild des Fahrers, der abends stumm am Rand des Camps stand und in Gedanken versunken auf den Berg starrte, brannte sich tief ein.

Die Ereignisse verarbeiteten wir auf kirgisische Art: Schwitzen in der Jurten-Sauna, ein nackter Sprung in den tiefen Schnee und Katzenwäsche aus Eimern.

Perspektivwechsel: Esel-Reiten und Abschied vom alten Jyrgalan

Zurück im Backcountry von Jyrgalan erlebten wir Tage im absoluten Rausch: Auf- und Abfellen im Akkord, lange Treeruns und unverspurter Pulverschnee bis zu den Kniekehlen. Doch als wir das Dorf verließen, mischte sich leise Wehmut in die Freude, denn ein internationales Unternehmen baut hier aktuell die ersten Gondellifte. Die ursprüngliche Unberührtheit des Ortes wird bald Geschichte sein. Ein lokaler Cat-Ski-Guide brachte diesen Wandel jedoch treffend auf den Punkt: „I am not afraid that Jyrgalan will change. Everything will change, otherwise we would still live in caves.“ Ein ehrlicher Denkanstoß, der uns daran erinnerte, dass auch die Menschen vor Ort ein Recht auf Fortschritt haben.

Für unser nächstes Ziel wechselten wir schließlich das Transportmittel: Wie Nomaden schnallten wir die Ski auf den Rücken und ritten auf Pferden durch tiefen Schlamm und Schnee bis hinauf an die Schneegrenze. Moritz erwischte dabei das kleinste, zotteligste Tier der Gruppe, das verdächtig nach einem Esel aussah und für ordentlich Lacher sorgte. Am Wandfuß angekommen galoppierten die Tiere eigenständig zurück ins Tal, während wir zu Fuß den Gipfel stürmten und bei der steilen Abfahrt durch enge Rinnen wieder selbst die Pferdestärken übernahmen.

Der Höhepunkt: Gipfelsieg auf „41.794672, 77.755115“

Am Arabel-Pass wartete die größte Herausforderung. Über 33 halsbrecherische Kehren ging es hinauf auf das Plateau. Unser neuer Guide Nursultan wollte ohne Seil und mit einem prähistorischen LVS-Gerät über einen Gletscher. Wir vertrauten unserer eigenen Erfahrung (Leni als Skiführerin, Moritz in Ausbildung) und sagten entschlossen Nein.

Stattdessen wählten wir in Eigenregie einen eisfreien Schiefergrat direkt neben uns. Wir kraxelten über lose Platten nach oben, bis wir schließlich auf 4.100 Metern standen. Es war Lenis erster 4.000er. Unter Tränen fielen wir uns in die Arme. Die steile Abfahrt durch die unverspurte Rinne absolvierten wir in kontrollierten Stemmbögen. Stürzen war hier absolut verboten! Da der Berg keinen Namen hatte, tauften wir ihn spontan nach seinen GPS-Koordinaten: Gipfel 41.794672, 77.755115.

Fazit: Was bleibt, wenn der Schnee schmilzt?

Die letzten Tage nutzten wir zur Erholung. Wir wanderten durch die roten Felsformationen der Skazka-Schlucht („Märchenschlucht“), stiegen auf den historischen Burana-Turm und verhandelten auf den Bazaren von Bischkek mit Händen und Füßen um Nüsse, Gewürze und traditionelle Filzhüte.

Als wir im Minivan zurück in die Hauptstadt rollten, spürten wir es wieder: Das Vibrieren in den Jackentaschen. WhatsApp-Nachrichten, Eilmeldungen, verpasste Anrufe. Die Welt da draußen hatte sich weitergedreht, während dort oben im Tian-Shan-Gebirge für ein paar Tage die Zeit stillgestanden hatte.

Wir drückten noch einmal auf Ausschalten, um die digitale Ruhe wenigstens für ein paar Stunden länger festzuhalten. Kirgistan hat uns als Team zusammengeschweißt und gezeigt: Die besten Abenteuer beginnen dort, wo die eigenen Pläne aufhören.

Infobox: Skitouren in Kirgistan (Tian-Shan-Gebirge)

  • Beste Reisezeit: Januar bis April (hohe Schneesicherheit im Backcountry)
  • Regionen & Spots: Jyrgalan, Karakol, Terim-Tor-Tal, Arabel-Pass
  • Sicherheit & Anforderungen: Hohe Eigenverantwortung zwingend erforderlich (kein Lawinenwarndienst, keine alpine Bergrettung). Ausreichend Know-how für Schneeprofile (z. B. ECT) und Lawinenkunde vorausgesetzt.
  • Unterkunft & Logistik: Mix aus lokalen Gästehäusern (Guesthouses in Jyrgalan) und mobilen Jurtencamps im Backcountry. Zu- und Abstieg per Skidoo oder Pferd.

Das Equipment auf der Tour

Für den herausfordernden Trip durch die extremen Bedingungen des Tian-Shan-Gebirges hatte das Team Teile unserer Radical Kollektion im Härtetest dabei. Folgende Highlights begleiteten Leni, Mona, Tobi und Moritz durch Schnee, Eis und Whiteouts:

Häufig gestellte Fragen (FAQ) zu Skitouren in Kirgistan

Ist Skitourengehen in Kirgistan gefährlich?

Ja, das Guiding und die Rettungsinfrastruktur sind nicht mit den Alpen vergleichbar. Da es keinen offiziellen Lawinenwarndienst und keine Bergrettung gibt, sind fundiertes Wissen in Lawinenkunde, eigenständige Schneeprofile und Sicherheitsausrüstung (LVS, Schaufel, Sonde) überlebenswichtig.

Wie reist man zu den Skitouren-Spots im Tian-Shan-Gebirge?

Der Startpunkt ist die Hauptstadt Bischkek. Von dort geht es per Minivan Richtung Karakol bzw. Jyrgalan. Der Transport im Backcountry erfolgt meist per Skidoo, Pistenraupe (Cat-Skiing) oder auf Pferden.

Braucht man für eine Skitour in Kirgistan einen lokalen Guide?

Ein lokaler Guide ist für Orientierung, Sprachbarrieren und Kultur extrem wertvoll. Dennoch sollte man Entscheidungen bezüglich Lawinensicherheit am Berg stets eigenständig und kritisch mit der eigenen Gruppe hinterfragen und sich nicht blind auf die Experten vor Ort verlassen.

Über die Autoren

Alena „Leni“ Paschke (staatlich geprüfte Skiführerin, Fotografin), Tobias Geiger (Fotograf und Alpinist), Moritz Marko (Skilehrer, staatlich geprüfter Skiführer in Ausbildung), Mona Marko (Skilehrerin, Journalistin)